„Viele Menschen fliehen vor familiärer Gewalt, nicht nur vor staatlicher Repression“ Menschenrechtsanwältin Merve Eylül Bütün über die Entrechtung der LGBTQIA+-Community in der Türkei (von Nadia Saadi und Aydın A.)

Merve Eylül Bütün
Merve Eylül Bütün

Die Anwältin Merve Eylül Bütün vertrat jahrelang queere Menschen in der Türkei. Nun lebt sie in Frankfurt und unterstützt die Rainbow Refugees der AIDS-Hilfe Frankfurt im Ehrenamt. Im Interview erzählt sie von der Lage in ihrer ehemaligen Heimat. Berichtet von Ehrenmorden, nächtlichen Razzien, verschwundenen Transfrauen und einem Klima der Angst, das queeres Leben zunehmend unmöglich macht.

Ein Gesetzentwurf des türkischen Parlaments liegt vor. Er soll die Rechte von queeren Menschen massiv einschränken. Was wissen Sie darüber?
Der Gesetzentwurf stammt aus dem sogenannten 11. Justizpaket, einer großen geplanten „Reformrunde“, die demokratische Strukturen zunehmend aushebeln möchte. Es ist noch kein fertiger Gesetzestext, aber ein Entwurf der zeigt, wohin die Reise gehen soll. Entwurfsdokumente aus dem Justizministerium wurden 2025 mehrfach geleakt, als Ausschussunterlagen an Journalist*innen und NGOs gelangten. Der Gesetzentwurf soll die Rechte von queeren Menschen massiv einschränken. Ziel ist es, sie an den Rand der Gesellschaft zu drängen und zunehmend zu kriminalisieren.

Ein paar Beispiele: Das Alter für geschlechtsangleichende Operationen soll von 18 auf 25 Jahre angehoben werden. Das wäre eine Katastrophe für Transpersonen, denn in diesem Zeitraum entwickelt sich der Körper ja schon voll. Außerdem vorgesehen: Menschen, die privat eine rein symbolische, nicht rechtsgültige, queere Hochzeit veranstalten, könnten künftig drei Jahre im Gefängnis landen. Nur, weil sie ihre Liebe feiern wollten. Der Gesetzentwurf sieht zudem vor, ein Verhalten entgegen dem biologischen Geschlecht und der öffentlichen Moral zu kriminalisieren. Männer dürfen keine Röcke tragen, Frauen dürfen keine Anzüge tragen, die zu maskulin sind. Diesen Gesetzentwurf gibt es Schwarz auf Weiß, er ist noch nicht verabschiedet, könnte aber jederzeit ins Parlament eingebracht werden. Glücklicherweise gibt es heftige Reaktionen von Menschenrechtsorganisationen, Anwaltskammern etc. Deshalb konnte das Inkrafttreten dieses Horrorpakets bislang verhindert werden.

Die Repressionen von queeren Menschen geht auch im Zuge der PRIDE-Verbote zunehmen durch die Nachrichten. Sie stehen in Ihrem Heimatland mit vielen Betroffenen in Kontakt. Wie hat sich ihr Leben in der Türkei aktuell verändert?
Die Türkei torpediert zunehmend demokratische Werte. Es gibt seit einigen Jahren Wellen der Vertreibung, Ausgrenzung, Unsichtbarmachung. Pride Verbote, Verbote von lgbtia+-freundlichen NGOs, massive Polizeigewalt.

Es begann schleichend. Hier ein paar Beispiele der Eskalation: Als 2025 der oppositionelle Bürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, verurteilt wurde, gingen viele auf die Straße. Ein Mandant von mir schloss sich den Protesten an und schwenkte dabei die Regenbogenflagge. Er nahm ihm sie kurz aus der Tasche und hielt sie hoch. Er wurde sofort verhaftet, angeblich weil er gegen das Versammlungsgesetz verstieß, aber das war nur der Vorwand. Während des Gerichtsverfahrens stand aber das Hochhalten der Regenbogenflagge als krimineller Akt im Fokus. Er landete mehrere Monate im Gefängnis.

Ein weiteres Beispiel: 2007 und 2008 gab es Vertreibungen von Transmenschen, insbesondere in den Städten Beyoğlu  und Tarlabaşı. Polizei und Ordnungsamt führten nächtliche Razzien durch. Wohnungen, insbesondere von Transfrauen, wurden geräumt, versiegelt und teilweise abgerissen. Bewohner*innen wurden mit Gewalt aus Häusern geholt. Seitdem leben kaum noch Transpersonen in diesen Innenstädten. Aber natürlich gibt es diese Menschen trotzdem, viele müssen der Sexarbeit nachgehen, um zu überleben. Seit den brutalen Räumungen sind sie gezwungen, ihrer Arbeit in dunklen abgelegenen Straßen am Rande der Stadt nachzugehen. Dort gibt es keine Überwachungskameras und keinerlei Schutz. Wenn etwas passiert, wird weggeschaut. Es gibt Fälle schwerer Gewalt und Morde an Transfrauen, die oft nicht aufgeklärt werden.

Aber es sind nicht nur die drastischen Fälle, die der Community das Leben schwer machen. Angefeuert durch die staatliche Propaganda, hat sich das soziale Klima gewandelt. Freundinnen von mir haben in einer liberalen Großstadt gewohnt. Früher konnten sie dort als Paar Hand in Hand durch die Straßen laufen. Heute begegnen sie in derselben Gegend bösen Blicken und offenem Hass.

Viele  queere Menschen aus der Türkei suchen Schutz in Deutschland, werden aber zurückgeschickt. Was droht ihnen dann in ihrer Heimat, wenn ihr Asylvertrag abgelehnt wird?
Die größte Gefahr droht oft durch das eigene Umfeld. Die Regierung gießt hier Öl ins Feuer, macht massiv Propaganda gegen LGBTQIA+ und stigmatisiert sie als „Bedrohung für die Familie“. Queerfeindliche Ehrenmorde sind in der Türkei ein gravierendes Problem. Offizielle Statistiken gibt es nicht, doch NGOs dokumentieren jedes Jahr mehrere Tötungen von queeren Menschen. 2025 verzeichnete Kaos GL sechs Todesfälle, davon drei eindeutig als Hassmorde. Auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch bestätigen, dass queerfeindliche Gewalt zunimmt und oft nicht konsequent verfolgt wird.

Wenn queere Menschen in der Türkei massiver Gewalt ausgesetzt sind oder umgebracht werden, reagiert die Justiz mit Gleichgültigkeit. Die Täter, fast immer Männer, müssen nur behaupten, das Opfer habe sie sexuell angegriffen und in ihrer Ehre verletzt. Schon fallen die Strafen oft milde aus.

Können Sie uns etwas über Ihre ehrenamtliche Arbeit für die Rainbow Refugees erzählen?
Ich lebe erst seit rund einem Jahr Deutschland. Vor ein paar Monaten habe ich mich den Rainbow Refugees Frankfurt angeschlossen. Sie gehören zur AIDS-Hilfe Frankfurt und unterstützen queere Menschen, die in ihren Heimatländern verfolgt wurden. Ich möchte hier vor allem türkeistämmigen Klient*innen aus der Türkei ehrenamtlich bei ihren Asylverfahren unterstützen und zudem Verstöße gegen LGBT*-Rechte in der Türkei dokumentieren. Zurzeit werden Asylverfahren von türkischen Staatsbürger*innen zunehmend abgelehnt. Wenn diese Menschen zurückgeschickt werden, droht ihnen im schlimmsten Fall der Tod.

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