„Wir müssen ein zweites Ich kreieren, um in unseren Ländern zu überleben.“ Ein Gespräch mit Sadık Sütçü

Sadık Sütçü

Sadık Sütçü ist Aktivist für LGBTQ*-Rechte. Seine Ausdrucksform: Kostümdesign für politische Performances. Vor einigen Jahren floh er aus der Türkei, um Gewalt, Verfolgung und staatlicher Repression zu entkommen. Heute möchte er mit seiner Kunstform die Lebensgeschichten von Rainbow Refugees sichtbar machen.

Wie kamst du zum Nähen?

Ich bin mit vier Schwestern und vier Brüdern aufgewachsen. Wir hatten nicht viel Geld. Meine Mutter reparierte unsere Kleidung, nähte mit der Hand. Sie benutzte einfach das, was  herumlag, nahm einen roten Faden, um eine schwarze Hose zu reparieren. Als ich 15 wurde, konnte ich es nicht mehr ertragen: „Mama, das sieht furchtbar aus!“, schrie ich und nahm die Nadel einfach selbst in die Hand. Dann ging es los.

Als ich nach Frankfurt kam, ging ich auf Flohmärkte und fand dort hochwertige Kleidung, die ich umändern musste, damit sie mir passte. Es klappte gut und ich dachte mir, dann kann ich doch auch was Eigenes kreieren.

Nach meiner Ankunft in Frankfurt fand ich Support und Anschluss bei den Rainbow Refugees, traf dort Knud Wechterstein, den Landeskoordinator des Rainbow Refugees Support sowie Nadia Saadi, Autorin und Co-Gründerin von Rainbow Stories. Wir lernten uns besser kennen. Lasst uns etwas auf die Beine stellen, sagten wir. Ich fing an, Kostüme für Rainbow Stories Events zu entwickeln. So begann unsere gemeinsame Reise …

Du warst bereits in der türkischstämmigen Community als Aktivist tätig …

Ja, ich war aktivistisch tätig, musste aber extrem vorsichtig sein, denn für mich ist es in doppelter Hinsicht gefährlich. Ich bin queer. Und ich bin Kurde, Teil einer verfolgten Minderheit. Ich habe doppelt verloren.

Trotzdem musste ich etwas tun gegen die Einschränkung unserer Rechte in der Türkei.  Am 8. Mai, dem Internationalen Tag für Frauenrechte, nahm ich regelmäßig an den Demos teil. Wir kämpften für Frauenrechte, aber indirekt auch für queere Rechte. Ich wurde zwei Mal festgenommen und von der Polizei zusammengeschlagen. Danach musste ich nach Deutschland fliehen, sie hätten mich sonst vielleicht umgebracht.

In der Türkei wurden alle Prides sukzessive verboten. Der Schmerz, dass du nicht für deine Rechte kämpfen, an keiner Pride teilnehmen kannst, war gewaltig. Wenige Wochen nach meiner Ankunft  in Frankfurt fand der CSD statt. Für mich war es eine Mission, natürlich musste ich dabei sein. Also laufen wir mit auf der Parade, haben Spaß, sind glücklich. Plötzlich kommt uns die Polizei entgegen. Ich erstarre, gerate in Panik, mein Gehirn setzt aus. Schlimme Erinnerungen kommen hoch. Den ganzen Tag lang kann ich mich nicht mehr entspannen. Mein Verstand weiß zwar, dass die Polizei in Deutschland am CSD teilnimmt, um uns zu schützen, nicht um uns zu verfolgen. Aber körperlich reagiere ich auf alte Traumata, die gespeicherte Erinnerung an die Erlebnisse mit der türkischen Polizei ließen mich nicht mehr los.

Du entwickelst hauptsächlich Kostüme im queer-aktivistischen Kontext. Hast beispielsweise gemeinsam mit Rainbow Stories Kostüme für Events auf der Frankfurter Buchmesse, das Hilton Frankfurt City Centre und die Frankfurt University of Applied Sciences entworfen. Woher nimmst Du Deine Inspiration?

Mir ist es wichtig, meine Kostüme auf Zweck und Geschichte zuzuschneiden. Beispielsweise entwickelten wir für einen Fachtag ein Kostüm für Fabian Kagimu, eine Trans*aktivistin, die eine furchtbare Journey hinter sich hatte. Ausgrenzung Gefängnis, Folter … Nadia Saadi verarbeitete diese Geschichte für eine Lesung, anschließend wollte Fabian auftreten, um zu singen und die Schwere der Geschichte etwas aufzulösen. Also entwickelten wir für ihren Auftritt ein Kleid und ein Head Piece, das an einen Vogel erinnert. Ein wunderschöner Vogel, der Freiheit repräsentiert und gleichzeitig Fabians Befreiungsreise widerspiegelt. Der Fotograf Maksim Finogeev fotografierte diese poetische Inszenierung. Sie wurde im August 2026 in einer 4-seitigen Strecke im Display Magazin veröffentlicht.

Ich liebe es, Kleider zu entwickeln, die einen Zweck, einen Purpose erfüllen. Es ist nicht einfach ein hübsches Kleid. Wenn es gut wird, ist es wie ein Kunstwerk, das zu dir spricht. Kleider als Botschafter*innen. Diese Ausdrucksform ist sehr inspirierend für mich. Ich möchte meine Kostüme nutzen, um die Community zu supporten und zu empowern. Ich möchte ihr Energie schenken, Liebe zeigen.

Du hast erst vor einem Jahr begonnen, Aktivismus in Kostüme zu verwandeln. Wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich gut an, endlich sichtbar sein zu dürfen, gesehen zu werden. Ich denke, es ist eines der drängendsten menschlichen Bedürfnisse, gesehen zu werden. Wenn du die Möglichkeit bekommst, deine Pieces zu zeigen, ist das ein wirklich sweetes Gefühl.

Etwas zu kreieren, ist überlebenswichtig für mich, so wie Essen oder Trinken. Ich möchte etwas hinterlassen, das meinen Tod überdauert, möchte Schönheit hinterlassen. Vielleicht steht dahinter auch der mächtige Wunsch, die eigene Sterblichkeit zu überwinden oder zu verdrängen.

Wie sieht die Entwicklung eines Kostüms konkret aus?

Auch wenn mich die Entwicklung von Kostümen mit großer Freude erfüllt, fühlt sich die Realisierung nicht immer großartig an. 400 Perlen mit der Hand auf ein Kleid zu sticken ist einfach nur schrecklich. Ich bin oft frustriert und stoße zudem an Grenzen, auch in technischer Hinsicht. Schließlich habe ich keine Ausbildung als Designer. Ich bin Autodidakt, bringe mir alles selbst bei, über Videos und Tutorials. Der Weg zum Erfolg ist nicht bequem.

Kostümdesign als Kunstform für politische Botschaften. Warum hast du diese Ausdrucksform gewählt?

Ein Kleidungsstück ist eine sehr direkte Ausdrucksform. Bevor du über politische Botschaften sprichst, zeig sie einfach. Du musst gar nichts erklären. Das Kleid spricht unmittelbar zu dir. Die Botschaft springt dir entgegen wie ein Graffiti auf einer Wand oder eine Aufschrift auf einer Mauer. Du kannst ihr nicht entkommen.

Aktivismus wird oft aggressiv konnotiert. Ich nutze aber nicht unbedingt Aggressivität, sondern auch poetisch anmutende Ausdrucksformen. Ich liebe Literatur und Dichtung. Ein Kleid kann wie ein Gedicht sein. Poetisch. Anmutig. Erhaben. Empowernd.

Du wurdest misshandelt, verfolgt und hast als queerer Geflüchteter Schutz in Deutschland gesucht. Jetzt setzt du dich selbst für Rainbow Refugees ein. Also für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und / oder Identität ihre Länder verlassen müssen. Menschen, die ihre Identität oft verbergen müssen. Sie können nicht einfach sagen: So bin ich, akzeptiert mich, weil sie dann eingesperrt oder umgebracht werden. Inwieweit repräsentiert deine Sichtbarkeit auch ihre Sichtbarkeit?

Menschen, die in homophoben und lgbtq*-feindlichen Ländern aufwachsen, haben immer ein schizophrenes Bewusstsein. Sie sind gezwungen, zwei Persönlichkeiten zu kreieren. Eine, die ins gesellschaftliche Raster passt. Und eine zweite, für sich selbst. Lügen wird notgedrungen zu ihrem best skill. Denn wenn du nicht lügst, kannst du dein Selbst nicht bewahren. Diese doppelte Identität wird zum Alptraum. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Wir sind nicht nur unsichtbar. Es ist schlimmer: Wir sind gezwungen, eine fake visibility zu erschaffen, eine falsche Sichtbarkeit. Selbst wenn wir es hassen. Wir müssen ein zweites Ich kreieren, um in unseren Ländern zu überleben.

Ich möchte all diesen Menschen Sichtbarkeit schenken, die gezwungen sind, mit einer falschen Identität durchs Leben zu gehen. Damit ihr wahres Ich sich über künstlerische Ausdrucksformen durchkämpfen und irgendwie durchscheinen kann. So können wir der Lüge alle zumindest für einen Moment entkommen.

(Autorin: Nadia Saadi)

Wer wir sind